Was werden Sie an Karneval?

von | Feb 16, 2015 | Kiki schreibt, Mein Klassenbuch, mit 40... | 0 Kommentare

Jedes Jahr kurz vor Karneval die gleiche Frage meiner Schülerinnen und Schüler: „Was werden Sie an Karneval?“ Und jedes Jahr wieder kräueln sich mir bei der Formulierung die Fußnägel. Dabei drückt das Hilfsverb „werden“ laut Duden ein zukünftiges oder vermutetes Geschehen aus. Zum Beispiel: Wird es morgen regnen?, ich werde morgen zu meiner Oma fahren. Das Hilfsverb wird auch zur Bildung des Passivs genutzt: Du wirst angebellt. Und wie die Erklärung schon ausdrückt und es in den Beispielen deutlich wird, hilft es einem anderen Verb, welches in dieser Frage aber vollkommen fehlt. Und jetzt mal ganz ehrlich: Wer will schon werden, als was er sich verkleidet? Nehmen wir einmal den Clown. Beliebtes Kostüm, schnell angezogen, es passt viel darunter, ideal für den Straßenkarneval. Aber wer will sein Leben lang immer lustig sein und nicht ernst genommen werden? Oder die Hexe. Ich möchte nicht mit Buckel, Warzen und auffälliger Nase durch die Straßen laufen. Dabei im Wald leben und darauf warten, dass zwei Kinder sich zu mir verirren, die ich dann wegsperren kann. Kostüme wie Senftube, Banane, Brot, Kaktus oder Bär will ich hier gar nicht näher erläutern. Was wäre denn, wenn man das wirklich wird? In absoluter Realität eine Senftube!

Ich werde mich an Weiberfastnacht für die Schule als Badewanne verkleiden. Wenn ich mir überlege, was mit mir passieren würde, wenn ich diese werden würde. Die Schmerzen, die ich aushalten müsste, wenn in meinem Gewebe kleine Betonteilchen eingebaut würden und ich anstelle meiner Haut Fliesen aufgeklebt bekommen würde. Statt Blutgefäßen würden Wasserleitungen in mir fließen. Und dann immer die Angst, dass ich überlaufen würde oder die Lasten, die ich aushalten müsste, wenn andere Menschen – obwohl ich ein solcher dann ja nicht mehr wäre – in mir tragen müsste. Mit all ihren Gerüchen. Auch wenn sie ganz schmutzig sind von der Arbeit. Und bis zum Rand gefüllt mit Badeschaum. Das würde ich nicht wollen. Nicht mein Leben lang.

Geben Menschen an Karnval ihre Persönlichkeit ab, um etwas anderes zu werden? Oder wird das Wort „werden“ eher als Schutzmechanismus gebraucht? Wenn ich mir angucke, was nach dem Vierdelszoch in meinem Stadtteil alles passiert, würde ich das auch nicht in meinem Namen tun wollen. Das kann dann ruhig der Bär oder der Clown gewesen sein, der ich plötzlich und unerwartet geworden bin. Am nächsten Morgen bin ich wieder Ich oder zumindest das, was ich dafür halte, vielleicht erst gegen Abend, wenn es schlecht läuft.

Dabei wüsste ich gar nicht, was ich noch alles werden soll. Ich bin schon so viel: Lehrerin, Ehefrau, Hundebesitzerin, Frauchen, Christin, Schildkrötenbesitzerin, Wohnungsbesitzerin, Ich, Autofahrerin, Schwester, Tochter, Schwiegertochter, Freundin, Camperin, Cousine, Tante, Schwägerin, Nichte, … Ich finde, ich bin schon genug – wo soll das denn hinführen, wenn ich noch mehr werde? Achso, Enkelin bin ich nicht mehr, Mutter werde ich nicht und alt noch nicht… Aber das Leben hat auch so einen Sinn. Man muss ja nicht alles werden, auch nicht an Karneval.

Und trotzdem: Ansatzweise habe  ich – als Badewanne verkleidet – so richtig die Sau raus rausgelassen! Das wollte ich schon immer mal :)

©KS2015

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