Eigentlich

von | Jan 9, 2015 | Kiki schreibt, Mein Klassenbuch, mit 40... | 2 Kommentare

Es war die letzte Stunde an einem langen ersten Schultag. Wir hatten uns in der Klasse noch eine Menge zu erzählen. Die Stimmung war teilweise sogar ausgelassen. Da stellte einer meiner Sechstklässler eine Frage: “Was wollten Sie denn eigentlich werden?” Stille um mich herum. Jetzt erzählt sie etwas aus ihrem Leben. Erst beim zweiten Hinhören wurde mir deutlich, was die Frage bedeutete. Eigentlich. Das Wort an sich drückt schon aus, dass die Absicht eine andere gewesen ist. Der junge Mann ging ganz eindeutig davon aus, dass Lehrer nicht von Beginn an Lehrer werden wollen. Nach seiner Ansicht scheint die Regel tatsächlich zu sein “Ich weiß nicht, was ich werden soll, dann studiere ich mal eben Lehramt, es wird sich schon was ergeben”. Und das,  obwohl es schon lange nicht mehr so ist, dass man vormittags Recht und nachmittags frei hat. Während ich antwortete, zieht meine Kindheit an meinem geistigen Auge vorbei. Sehr oft haben wir den ältesten Bruder meines Vaters besucht. Er bewohnte deren Elternhaus mit vielen alten Möbeln und museumsartig eingerichteten Räumen. Immer etwas Besonderes. Noch imposanter war allerdings die alte Apotheke, die er ebenfalls von seinen Eltern übernommen hatte. Mein erster Gang – nach der Begrüßung unserer Tante – ging immer in die Apotheke. Einmal, um eine Rolle Traubenzucker abzugreifen und um die Apotheke auf mich wirken zu lassen, den typischen Geruch einzuatmen. Sie bestand aus einer wunderschönen alte Offizin, mit alten Arzneiflaschen geschmückt. Weil eigentlich immer Kunden anwesend waren, durften ich mich nur im Hintergrund aufhalten. Auch um die Angestellten nicht zu stören. Außerdem war ich nicht alleine. Selbstverständlich sind meine drei kleinen Geschwister mir nachgelaufen. Ehrfürchtig sah ich mir immer wieder die Einrichtungsgegenstände an. Nicht zum ersten Mal. Es war fast ein Ritual. Dann hörte ich sie. Das leise Rutschen. Und dann der Klick. Eine Schublade wurde wieder eingezogen. Mein Blick ging zu dem riesigen – verhältnismäßig modernen – Schubladenschrank hinter der Offizin. Gefühlte tausend Schubladen über- und nebeneinander. Und alle ließen sich so leicht öffnen und schließen. Es reichte ein ganz leichter Fingertick. Schon ganz früh war mir klar, dass ich einmal Apothekerin werde. Die Schubladen waren Grund genug. Eigentlich.

©KS2015

2 Kommentare

  1. Warum bist Du es denn eigentlich nicht geworden???
    Haben die Schubladen ihre Anziehungskraft verloren????

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    • Ich wollte lieber vormittags Recht und nachmittags frei haben…

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