Die Liebe zum Reptil

von | Mrz 2, 2015 | Kiki schreibt, mit 40... | 0 Kommentare

Manche Dinge klären sich schon in früher Kindheit – und damit möchte ich meine Grundschulzeit an der wunderschönen Nordsee erwähnen. Hier wurden neben anderen wichtigen Entscheidungen die Weichen für ein Haustier gelegt, das ich erst 18 Jahre später zu mir aufnehmen durfte. Das Aufnehmen mit dem Begriff „kaufen“ oder „anschaffen“ zu bezeichnen, widerstrebt mir, da es sich um ein Lebewesen handelt, wenn auch um ein sehr Besonderes. Aber wer ist nicht besonders? Immerhin habe ich es geschafft, zu diesem Tier eine persönliche Beziehung aufzubauen. Meine Freundin stellte mir irgendwann während unserer gemeinsamen Zeit an der Grundschule ihr neues Haustier vor.

Ein kleiner Exkurs in diese Freundschaft: Mit ihr konnte ich Pferde stehlen, mich streiten und was viel wichtiger ist, wieder vertragen. Letzteres nicht immer sofort. Wir hatten auch damals schon jede unseren eigenen Kopf. Ersteres nicht immer ganz zur Freude unserer Eltern, wenn sie es gewusst hätten. So erinnere ich mich noch daran, dass wir eine ganze Religionsstunde unter dem Tisch saßen. Unsere Lehrerin wusste gar nicht, dass wir da waren. So zumindest unsere Einschätzung der Lage. Erst als sie am Ende der Stunde den Raum verließ, erwähnte sie nebenbei, dass wir jetzt ja auch wieder auf die Stühle kommen könnten. Wir hätten uns etwas mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Glücklicherweise haben unsere Eltern von dieser besonderen Stunde nichts erfahren. Weder durch unsere Lehrerin noch durch uns. Wir genossen still. Oder eine andere Begebenheit spielte sich bei ihr zu Hause ab. Wir kamen auf die geniale Idee, Kerzen zu gießen. Die romantische Ader in uns schien sich zu entwickeln. Einige alte Kerzen fanden wir schnell und weil diese nicht reichten, nahmen wir einfach noch neue Exemplare dazu. So konnte aus langweiligen weißen Tafelkerzen ein wundervoller Stumpen in undefinierbarer Farbe und nicht funktionierendem Docht werden. Denn daran hatten wir in unserer Spontaneität nicht gedacht. Aber Dochte werden ja auch überbewertet. Ein Stück Baumwollhäkelgarn war aus dem Textilunterricht noch übring. Viel wichtiger ist hier zu erwähnen, dass es unser erstes Mal war. Dass man Kerzen gießen kann, wussten wir nur vom Hörensagen. Und dass Wachs nicht so gut aus einem Milchkochtopf wieder herausgeht, war uns auch neu. Auch die Edelstahlspüle war da etwas anfällig. Wir mussten mit einem Teelöffel ganz schön hart arbeiten, um die großen Wachsreste, die dummerweise nicht in den Joghurtbecher gekippt werden konnten, zu entfernen. Kurz vor Ende hörten wir den Schlüssel im Schloss. Und schon stand sie in der Küche, ihre Mutter. Um es kurz zu machen: sie war nicht amüsiert. Gar nicht. Noch nicht einmal ein ganz kleines bisschen. Unsere Kerzen hatten dann auch ganz schnell ihren Reiz verloren.

Doch jetzt zurück zum Haustier. Zu Beginn stand Skepsis in meinem Gesicht. So zum Kuscheln war sie nicht, die Landschildkröte. Zumindest nicht kuschlen im engeren Sinn. Was mir aber sehr schnell deutlich wurde: Sie sind sehr liebebedürftige Tiere. Viel mehr als man hinter der harten Schale vermutet. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie wir ihre Schildi in unseren Alltag aufnahmen. An einem meiner letzten Tage an der Nordsee setzten wir das Tier in einen Puppenwagen und fuhren mit ihr durch die Straßen. Puppenwagen und Puppe wäre uns zu zweit nicht in den Sinn gekommen. Dafür waren wir inzwischen schon zu alt. Zumindest fühlten wir uns so. Aber Puppenwagen und Schildkröte ging. Ging sogar sehr gut! An diesem Tag ist der Wunsch in mir geboren, selbst ein solches Tier zu besitzen. Meine Eltern waren strikt dagegen. Zu anfällig, zu seltsam, nicht üblich genug. Wir einigten und schließlich auf Wellensittiche, weil Hunde auch nicht in Frage kamen.

Am 27. Februar 1999 war es dann endlich soweit. An einem Samstagmorgen fuhr ich mit Freunden nach Castrop-Rauxel. Ich war vorher noch nie da und später auch nicht mehr. Noch sehr genau kann ich mich daran erinnern, dass wir auf einem recht schäbigen Parkplatz das Auto abstellten und dann eine Halle betraten. Hier fand eine große Reptilienbörse statt und ich konnte am Ende unseres Besuchs eine kleine – 6,3 cm lang und 17,8 cm drumherum – Afrikanische Pantherschildkröte in mein Leben aufnehmen. Sie passte damals genau auf meine Handfläche. Wahrscheinliches Geschlecht: Männlich. Gewicht unbekannt mangels einer Waage. Unter der großen Anzahl von Schildkrötennamen – auch von bekannten Persönlichkeiten – den richtigen heraussuchen war gar nicht mal so leicht. So übernahm meine Schwester die Initiative und nannte das Tier Paddington. Später wurde er dann „aus meinen Gnaden“ in den Adelsstand erhoben. Sir. Erst sehr viel später zeigte Sir Paddington sein wahres Gesicht und so wurde aus dem Sir intern eine Lady. Eine lustig-komische Zeit meines Lebens begann. Sir Paddington besuchte den Unterricht diverser Schulklassen, die ich unterrichtete. Die Kinder waren entzückt. Einer meiner Neffen stellte mit größtem Erstaunen fest, dass dieses Tier ja nun wirklich gar kein Haar hat, nicht ein einziges. Auch meine Eltern lernten mit diesem Tier umzugehen. In den Ferien durfte ersie hin und wieder Zeit bei ihnen verbringen. Geschenke, Karten und Zeitungsausschnitte, die ich bekam, hatten nicht selten das Thema „Schildkröte“. So kam es, dass wir an sämtlichen Stellen unserer Wohnung dieses Reptil in allen möglichen Ausführungen stehen haben: Holz, Stein, Foto, Ton, Glas, Metal, Schokolade oder Marzipan. Letztere fanden sich in großen Mengen auf unserer Hochzeitstorte.

Apropos Hochzeit: Als ich mich ernsthaft auf die Suche nach einem Partner begab, war klar: Mich gibt es nur im Doppelpack. Nicht ohne meine Schildkröte. Das mutete besonders meinen Schwiegereltern etwas merkwürdig an. Ich wurde ihnen als mögliche Zukünftige mit Schildkröte angekündigt. Skepsis. Hätte es nicht ein Hamster oder Meerschweinchen sein können? Zum Glück ist es keine Schlange! Nach dem ersten Kontakt mit Sir Paddington war die Scheu allerdings überwunden und man fühlte sich zuständig. Paddy bekam eine Ferienwohnung in der Wohnung der Eltern meines Mannes. Und dieser selbst musste vor unserer Hochzeit eine Adoptionsurkunde unterschreiben. Infiziert!

©KS2015

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